Die deutsche Marktwirtschaft der 2020er Jahre – Eine gedankliche Annäherung

Die deutsche Marktwirtschaft der 2020er Jahre – Eine gedankliche Annäherung

Was würde Wilhelm Röpke zur deutschen Marktwirtschaft der 2020er Jahre sagen?

Nein, das wissen wir nicht. Der Ökonom starb 1966 – lange vor Globalisierung, Digitalisierung, Energiewende und Pandemie. Doch seine Schriften, insbesondere Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart (1942), Civitas Humana (1944) und Jenseits von Angebot und Nachfrage (1958), enthalten ein ordnungspolitisches und kulturphilosophisches Denken, das auf die Situation anwendbar erscheint. Die Themen sind erstaunlich aktuell. Immer noch.

Röpke verstand die Marktwirtschaft nie als Selbstzweck. Für ihn war sie eine Ordnung freier Menschen, gegründet auf Eigentum, Wettbewerb, persönlicher Verantwortung und einer sittlichen (oder ethische) Kultur, die weder durch Gesetze noch durch ökonomische Modelle ersetzt werden konnte. Seine berühmte Einsicht lautete, dass der Markt von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht hervorbringen kann. Freiheit ist deshalb nicht allein eine ökonomische, sondern vor allem eine kulturelle, ethische Errungenschaft. Und er sprach sich für die Privatautonomie aus (Eigentum + persönliche Verantwortung).

Mit Sorge hätte Röpke vermutlich auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaftspolitik seit den frühen 2020er Jahren geblickt. Die Pandemie, die Energiekrise und die geopolitischen Spannungen führten zu einer deutlichen Ausweitung staatlicher Eingriffe. Preisbremsen, umfangreiche Subventionen, industriepolitische Programme und detaillierte Regulierungen veränderten das Verhältnis zwischen Staat und Markt spürbar. Röpke hätte diese Maßnahmen nicht pauschal verworfen. Er war kein Dogmatiker des Laissez-faire und erkannte außergewöhnliche Krisen als Ausnahmefälle an. Doch er hätte gefragt, ob aus der Ausnahme allmählich eine neue Normalität geworden sei.

Sein ordnungspolitischer Maßstab war klar: Der Staat soll die Spielregeln des Wettbewerbs sichern, nicht selbst zum wichtigsten wirtschaftlichen Akteur werden. Wo Unternehmen ihren Erfolg zunehmend an Förderprogrammen, regulatorischen Privilegien oder politischen Entscheidungen ausrichten, verliert der Wettbewerb seine disziplinierende Kraft. Für Röpke bestand die Gefahr nicht in einem starken Staat als Hüter der Ordnung, sondern in einem Staat, der die wirtschaftliche Ordnung selbst zu gestalten beginnt und dabei die Privatautonomie missachtet.

Ebenso kritisch hätte er vermutlich den Zustand des Wettbewerbs beurteilt. Schon in den 1950er Jahren warnte Röpke vor wirtschaftlicher Machtkonzentration und vor jeder Form von Zentralisierung. Wettbewerb (der auch, wenn nicht vor allem auf Privatautonomie aller basiert) war für ihn kein bloßes Instrument zur Effizienzsteigerung, sondern ein Freiheitsprinzip. Die zunehmende Regulierungsdichte, hohe bürokratische Anforderungen und steigende Markteintrittsbarrieren hätten ihn deshalb vermutlich besonders beunruhigt. Nicht die Existenz großer Unternehmen an sich wäre sein Problem gewesen, sondern eine Wirtschaftsordnung, in der kleine und mittlere Betriebe immer größere Schwierigkeiten haben, ihre unternehmerische Freiheit tatsächlich auszuüben.

Doch Röpkes Kritik wäre tiefer gegangen als eine Debatte über Steuern oder Bürokratie. Er war überzeugt, dass wirtschaftliche Krisen häufig Ausdruck kultureller Krisen sind. In Jenseits von Angebot und Nachfrage wandte er sich gegen die Vorstellung, wirtschaftlicher Erfolg allein könne eine Gesellschaft zusammenhalten. Eine freie Wirtschaft benötige Tugenden (!) wie Verantwortungsbewusstsein, Maßhaltung, Vertrauen und Gemeinsinn. Wo der Mensch ausschließlich als Konsument, Produzent oder Kostenfaktor verstanden wird, verliert auch die Marktwirtschaft ihre menschliche Grundlage.

Darin unterscheidet sich Röpke von einem rein ökonomischen Liberalismus. Er kritisierte nicht nur staatliche Überdehnung, sondern ebenso Materialismus, ausschließlich kurzfristiges Gewinnstreben und gesellschaftliche Entwurzelung. Für ihn scheint Familie, familäre ausgerichtete Gruppen, lokale Gemeinschaften, Bildung und eine lebendige Bürgergesellschaft keine Nebensächlichkeiten, sondern Voraussetzungen wirtschaftlicher Freiheit. Ohne diese kulturellen Fundamente droht eben auch die beste Wirtschaftsordnung ihre Stabilität zu verlieren.

Die Energie- und Klimapolitik hätte Röpke vermutlich differenziert betrachtet. Dass Umweltprobleme staatliches Handeln erfordern können, hätte seinem ordnungspolitischen Denken nicht widersprochen. Wahrscheinlich hätte er jedoch marktkonforme Instrumente – etwa eine allgemeine Bepreisung (vgl. unser Essay zur Wirkung der Preisfunktion) von Emissionen – gegenüber technologischen Detailvorgaben oder dauerhaften Subventionsregimen bevorzugt. Sein Leitgedanke lautete stets, allgemeine Regeln zu schaffen, statt wirtschaftliche Ergebnisse politisch vorzugeben.

Ihn hätte die Entwicklung der öffentlichen Finanzen wohl beschäftigt. Röpke warnte wiederholt vor einer Politik, die gegenwärtige Probleme durch wachsende Verschuldung zu lösen und ihre Lasten in die Zukunft verlagert. Finanzielle Solidität war für ihn Ausdruck politischer Verantwortung gegenüber kommenden Generationen und zugleich Voraussetzung einer stabilen Wirtschaftsordnung. Die – zumindest teilweise – berechtigte Diskussion zur Rentenpolitik inert der Generationen, scheint dafür ein Abbild.

Dennoch wäre es verkürzt, Röpke als bloßen Kritiker der Gegenwart zu lesen. Vieles hätte er vermutlich weiterhin als tragende Stärke Deutschlands angesehen: den Schutz des Privateigentums, die grundsätzlich offene Wirtschaftsordnung, die Bedeutung des Mittelstands und das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft, dessen geistige Entwicklung er selbst entscheidend mitprägte. Gerade deshalb wäre seine Kritik vermutlich so eindringlich ausgefallen. Sie hätte sich nicht gegen die Idee der Marktwirtschaft gerichtet, sondern gegen ihre schleichende Erosion. Und die liegt heute auch in dem Aspekt der Überregulierung (gerade auch seitens der EU), obwohl die wenigen Entscheider die eigentlichen Fragen der Mehrheit gar nicht erkennen oder erkennen können. Hier darf man an Hayek erinnern, der meinte, dass 100 Menschen nicht über das Schicksal von Millionen entscheiden sollten und entscheiden dürften.

Röpke hätte wohl argumentiert, dass eine Wirtschaftsordnung nicht in dem Moment scheitert, in dem ihre Institutionen formell abgeschafft werden. Sie beginnt vielmehr dort zu zerfallen, wo Wettbewerb zunehmend administriert, Verantwortung kollektiviert und wirtschaftliche Entscheidungen politisiert werden. Ebenso gefährlich wäre für ihn jedoch eine Gesellschaft gewesen, die Freiheit zwar fordere, ihre moralischen Voraussetzungen aber vergesse.

Vielleicht würde sein Urteil über die deutsche Marktwirtschaft der 2020er Jahre deshalb weder pessimistisch noch optimistisch ausfallen, sondern mahnend. Die eigentliche Krise läge nicht im Markt selbst, sondern in der schwindenden Bereitschaft, jene rechtlichen, kulturellen und sittlichen/ethischen Bedingungen zu bewahren, die ihn erst ermöglichen. Eine humane Marktwirtschaft lebt nach Röpke nicht allein von Angebot und Nachfrage. Sie lebt von Menschen, die Freiheit mit Verantwortung verbinden – und von einem Staat, der diese Freiheit schützt, ohne sie durch permanente Lenkung zu ersetzen.

Wir sollten das Risiko eingehen: die Gesellschaft neugierig betrachten und unsere Entscheidungen auf uns selber und den Gedanken der Privatautonomie stützen. Bestimmt ein spannender Weg.

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